Forschung

Forschungsprojekt „Extremer sozialer Rückzug junger Menschen in ihre Familien“

„Wenn nachts dann alles dunkel ist, geht in einem Zimmer im Haus plötzlich wieder ein Licht an“. Dieser Satz stammt aus einem Interview mit einer Mutter, deren erwachsener Sohn über Jahre nur nachts aus seinem Zimmer im elterlichen Haus gekommen ist. Einem längeren sozialen Rückzug (social withdrawl) junger Menschen in ihre Familien wie in diesem Beispiel skizziert, können individuell sehr unterschiedliche Auslöser und Gründe zugrunde liegen. Zu unterscheiden ist ein mehrmonatiger („extremer“) Rückzug von lediglich vorübergehenden Phasen des Antriebsmangels und der Verminderung des Interesses an sozialen Kontakten sowie ggf. als Folge körperlicher Krankheiten, bei denen Auffälligkeiten sichtbar und schambesetzt sind. Extremer sozialer Rückzug kann ein Symptom vieler unterschiedlicher psychischer Störungen sein wie Depressionen, Angststörungen, Zwangsstörungen, Autismus-Spektrum-Störungoder Schizophrenien. Aber auch Formen des Protests und der Revolte gegen „das Erwachsenwerden“ bzw. gegen die Übernahme von Verantwortung für die eigene und andere Personen quasi als eine „Verweigerung an der Gesellschaft“ werden als mögliche Gründe für einen langanhaltenden sozialen Rückzug diskutiert.

In der Fachliteratur wird unter extremen sozialen Rückzug eine Selbstisolation von mehr als sechs Monaten verstanden, das heißt, Kontakte außerhalb der Familie bestehen nicht und es findet keine Teilnahme an sozialen Aktivitäten statt, Ausbildung und Arbeit eingeschlossen. Der soziale Rückzug, so wie er bisher vor allem in Japan unter dem Schlagwort „Hikikomori“ bereits vielfach untersucht wurde, ist dabei häufig nicht Symptom einer psychischen Störung, die Entstehung einer solchen wird aber mit Zunahme der Dauer des Rückzugs wahrscheinlicher. Es gibt aber auch Formen des extremen sozialen Rückzugs, bei denen eine psychische Störung als Auslöser am Rückzug von Beginn an beteiligt ist. In beiden Fällen werden die Entstehung und der Verlauf des Rückzuges von Faktoren der Betroffenen und ihres sozialen Umfeld bestimmt.

Zum einen können dies individuelle wie auch familiäre Faktoren sein, zum anderen aber auch gesellschaftliche Aspekte wie zunehmende Individualisierungstendenzen, ein insgesamt gestiegener Leistungsdruck oder die Omnipräsenz medial aufbereiteter Inhalte bzw. eine Mischung aus all diesen Faktoren. Eine interdisziplinäre Untersuchung dieser Zusammenhänge steht bisher aus und erscheint angesichts dieser Komplexität als zielführend.

Bislang gibt es kaum Untersuchungen zu der Frage, wie viele junge Menschen in Deutschland von extremem sozialem Rückzug betroffen sind, was unter anderem darauf zurückzuführen ist, dass „sozialer Rückzug“ ein ungenauer und in vielen unterschiedlichen Zusammenhängen verwendeter Begriff ist. Seine Definition und genaue Kriterien sind selbst in Japan nicht einheitlich, so dass einschlägige Forschungsergebnisse häufig nicht zu vergleichen sind (Kato et al. 2016: 113).

Das familienwissenschaftliche Projekt zielt darauf ab, zu erforschen, inwiefern das aus Japan stammende Konzept des „Hikikomori“ mit seinen Ansätzen der Ent-Psychiatrisierung und interprofessionellen Hilfen dazu genutzt werden könnte, das Verständnis von und den Umgang mit einem extremen sozialen Rückzug von jungen Erwachsenen in ihre Familien in Deutschland zu verbessern. Eine Zunahme Betroffener durch das Pandemiegeschehen seit dem Frühjahr 2020 ist nicht unwahrscheinlich. Besonders junge Menschen mit einer bereits vorhandenen leichten Tendenz zum Rükzug könnten dadurch tatsächlich in einen extremen Rückzug geraten sein (Rooksby et al. 2020).

Bezüglich Interventionen kann das Internet als eines der wenigen Medien gelten, mit den denen die „unsichtbaren“ Betroffenen überhaupt noch erreicht werden können. Internetbasierte Anwendungen wie Virtuelle Realitätan (Rooksby et al. 2020) und das Spiel Pokémon Go (Kato et al. 2016) wurden in Japan beispielsweise bereits erfolgreich für Interventionsbemühungen bei extremen Rückzug junger Menschen getestet. Nach ersten Erkenntnissen japanischer Forschender reicht es allerdings nicht aus, die Betroffenen aus ihrem Rückzug nur spielerisch „herauszulocken“ (Kato et al. 2016). Als langfristig erfolgsversprechend hat sich unter anderem die onlinegestütze Venetzung von Peer-Groups erwiesen (Rooksby et al. 2020). Unterschiedliche Formen der Familientherapie werden bereits seit längerem erfolgreich eingesetzt (Kubo et al. 2019). Weitere wichtige Aspekte bei der Intervention sind Freiwilliigkeit, die Vernetzung der Betroffenen, der Aufbau einer vetrauensvollen Beziehung zu den Beratungsfachkräften.

Konkret soll im Projekt beleuchtet werden, wie die Berücksichtigung der aufgeführten Faktoren sowie die Einnahme einer interdisziplinären Perspektive dabei helfen kann, Ursachen für einen extremen sozialen Rückzug in Familien zu verstehen, Interventionen zu verbessern und präventiv tätig zu werden. Welchen Nutzen können Erkenntnisse und mögliche (auch onlinegestützte) Interventionsprogramme aus dieser Perspektive für Fachkräfte haben, die mit Familien und Betroffenen arbeiten, und für die Ausgestaltung von Einrichtungen und Angeboten des Gesundheitssystems und der Hilfesysteme?

Vorgehen: Durch eine standardisierte Online-Befragung werden zunächst die Erfahrungen und Beobachtungen von Fachkräften insbesondere aus den Bereichen Beratung, Seelsorge, Psychiatrie, Psychotherapie, Soziale Arbeit, Pflege und Medizin erhoben, um eine Übersicht über die Relevanz und den Umgang mit dem Phänomen in Deutschland zu erlangen. In einem zweiten Schritt werden Familienangehörige von Betroffenen zu ihrem Alltag und zum Umgang mit der Situation mithilfe von Leitfadeninterviews befragt.

Wenn Sie Fragen haben oder an der Mitwirkung bei der Untersuchung interessiert sind, melden Sie sich gerne, wir freuen uns:
hikikomori@haw-hamburg.de

„When one mentions ‚hikikomori‘, the immediate image that comes to mind is a young Japanese man, who has isolated himself within a bedroom in his parents´ house for years on end, refusing to speak, interact, or even be seen by anyone – sometimes including his own family. Meals are brought to the door a few times a day, and garbage and other refuse are left out in return. He might have started off spending his time playing video games or chatting online, but those activities lost their charm long ago. He now simply stares off into space.
Hikikomori. The world of perfect isolation“

(Krieg 2014, S. 18).

Bibliografie

Kato, Takahiro A.; Kanba, Shigenobu; Teo, Alan R. (2016): A 39-Year-Old „Adultolescent“: Understanding Social Withdrawal in Japan. In: The American journal of psychiatry 173 (2), S. 112–114.

Krieg, Alexander (2014): Reclusive Shut-ins: Are Hikikomori Predomintely a Japanese Problem? In: Eye Magazine, 2014 (5), S. 16–20

Kubo, Hiroaki et al. (2019): Development of 5-day hikikomori intervention program for family members: A single-arm pilot trial. In: Heliyon 6 (2020)

Rooksby, Maki et al. (2020): Hikikomori: a hidden mental health need following the COVID-19 pandemic. In: World Psychiatry 19:3 – October 2020, S. 399-400

Ansprechpersonen:

Dr. Sabina Stelzig (Soziologin, MA & Projektkoordinatorin)
Alexanderstraße 1, 20099 Hamburg
Tel.: 040-42857-7157
sabina.stelzig@haw-hamburg.de

Prof. Dr. Katja Weidtmann (Dipl.-Psychologin)

Alexanderstraße 1, 20099 Hamburg
Tel.: 040-42857-7155
katja.weidtmann@haw-hamburg.de

Patrick Wöckel (Sozialpädagoge, BA & Familienwissenschaftler, MA)

Alexanderstraße 1, 20099 Hamburg
Tel.: 040-42857-7157

patrick.woeckel@haw-hamburg.de



Postmigrantische Familienkulturen in der Lenzsiedlung in Hamburg (POMIKU)

Das Verbundprojekt „POMIKU“ aus HAW Hamburg, Universität Hamburg und Lenzsiedlung e.V. richtet den Blick auf die Lenzsiedlung im Hamburger Bezirk Eimsbüttel. Das Quartier hat einen hohen Anteil an Familien und bietet – auch aufgrund vieler Bewohnerinnen und Bewohner mit Migrationsgeschichte – vielfältige Familienkulturen. Die Forscherinnen untersuchen, wie sich verändernde Kulturen von Familien mit und ohne Migrationserfahrung auf die soziale Kohäsion und das Zusammenleben im Quartier auswirken. Dabei nutzen sie zum einen eine Bandbreite an Methoden der empirischen Sozialforschung, zum anderen gehen sie beteiligungsorientiert an die Fragestellung heran.

Darüber hinaus werden Institutionen der Unterstützung und Beratung beforscht, die für und mit den Familien der Lenzsiedlung arbeiten. Innerhalb von Transferwerkstätten werden die Ergebnisse mit Akteuren der Sozial- und Familienberatung diskutiert und ergänzt, um Gelingensfaktoren für die Zusammenarbeit mit den Familien zu ermitteln. Die in POMIKU gewonnenen Resultate werden an die Praxis in den unterschiedlichen Hamburger Bezirken zurückgespielt.

Weitere Informationen

https://www.familienkulturen.de/

Flyer deutsch
Flyer english

Frühpädagogische Abende (Universität Leipzig) am 07.07.2022
Zwischen Dörflichkeit und Häuserschluchten – Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt „Postmigrantische Familienkulturen“ (POMIKU) zu Familienleben und Aufwachsen in einer Hamburger Großwohnsiedlung. Vortrag von Prof. Dr. Katja Weidtmann (HAW Hamburg)

Flyer Newsletter Sommersemester 2022

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Abschlusstagung des Projekts POMIKU: Postmigrantische Perspektiven auf Familie

28. Februar und 01. März 2022 online

Die zweitägige Tagung „Postmigrantische Perspektiven auf Familie“ bildet den Abschluss des Forschungsprojekts „Postmigrantische Familienkulturen (POMIKU)“. Ziel des Verbundprojekts von HAW Hamburg, Universität Hamburg und Lenzsiedlung e.V., das von 2018 bis 2022 vom BMBF gefördert wird, ist die Erforschung von Familienkulturen in einer postmigrantischen Gesellschaft am Beispiel der Großwohnsiedlung Lenzsiedlung im Bezirk Hamburg Eimsbüttel.

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Weitere Informationen zum Projekt 

Auf der Tagung werden wichtige Forschungsergebnisse des Projekts präsentiert, zentrale Themen mit Vertreter*innen aus Wissenschaft und Praxis diskutiert und in Transferwerkstätten weiterbearbeitet. Zu diesen Themen gehören u.a. die aktuellen Debatten um eine „postmigrantische Gesellschaft“, „Familie und Migration“, „Großwohnsiedlungen“ und „Quartiersarbeit“, die auch die vier Schwerpunkte der Tagung bilden. Renommierte Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis haben ihre Teilnahme bereits zugesagt.

Die Fachtagung wird am 28.02. und 01.03.2022 in einem Online-Format stattfinden, die Teilnahme ist kostenlos. Zur Anmeldung geht es hier.


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Workshop „Migration und Wertewandel/kultureller Wandel“
05. bis 06.11.2020

Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg

Präsentation „Werte und Normen: ein analytischer Überblick“
A. Wonneberger, Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg
Projekt POMIKU

Präsentation „Werte und Normen zu Migration, Familie und Religion – zum Umgang mit kultureller Differenz in einer Großwohnsiedlung in Hamburg“
A. Wonneberger, Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg
Projekt POMIKU

Präsentation „Wertunterschiede als Konfliktherd und Integrationshindernis?“
C. Kuche/L. Fuchs, Georg-August-Universität Göttingen, Freie Universität Berlin
Projekt AFFIN

Präsentation „Einstellungen junger Männer mit und ohne Zuwanderungsgeschichte zu Gender und LSBTI in einer sich wandelnden, vielfältigen Gesellschaft“
K. Nowacki/K. Sabisch/S. Remiorz, Fachhochschule Dortmund
Projekt JUMEN


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Kontakt

HAW Hamburg
Ansprechpartnerin: PD Dr. Astrid Wonneberger
E-Mail: astrid.wonneberger@haw-hamburg.de
Tel.: 040-42875-7154

Universität Hamburg
Ansprechpartnerin: Prof. Dr. Kristin Bührig
E-Mail: kristin.buehrig@uni-hamburg.de
Tel.: 040-42838-4775

Lenzsiedlung e.V.
Ansprechpartnerin: Annette Abel
E-Mail: pomiku@lenzsiedlungev.de
Tel.: 040-4309-6730